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Das denken die Gründer von AUTO1

2. November 2017 - Handelsblatt

Das Gebrauchtwagenportal Auto1 wird mit Milliarden bewertet. In ihrem ersten Zeitungsinterview erklären die Gründer Hakan Koc und Christian Bertermann, was hinter dem Erfolg steckt - und wie das Unternehmen wachsen soll.

Berlin-Kreuzberg, zwischen einer Biobäckerei und allerlei anderem Kleingewerbe: Hier liegt die Zentrale von einem der verschwiegensten Milliarden-Unternehmen Deutschlands: Auto1. Das Foyer im Erdgeschoss ist etwa 30 Quadratmeter klein, und der Empfangstresen sieht nach Marke Eigenbau aus. Alles irgendwie genau so, wie man sich das bei einem Start-up vorstellt. Auch die Großraumbüros, in denen vor allem sehr viele sehr junge Menschen dicht an dicht vor ihren Computern sitzen, erfüllen die gängigen Klischees vom schnell wachsenden Gründerunternehmen. Dass bisher kaum Konkretes nach außen drang, hat mit der Diskretion der beiden Gründer Hakan Koc und Christian Bertermann zu tun. Nie zuvor gaben sie bisher einem Medium ein Interview. Zu ihrem ersten erschienen sie - wie es sich für anständige Gründer offenbar gehört - mit offenem Hemdkragen und Kapuzenpullover.

Herr Koc, Herr Bertermann, für Ihr Gebrauchtwagenportal Auto1 haben Sie im Sommer 360 Millionen Euro von den Venture-Capital-Fonds Target Global, Princeville Global und Baillie Gifford sowie einigen namhaften Banken erhalten. Es war eine der höchsten Summen, die je ein deutsches Start-up auf einen Schlag eingesammelt hat. Wie rechtfertigen Sie dieses Vertrauen?

Hakan Koc:

Indem wir gezielt und konzentriert unser Geschäftsmodell ausbauen. Wir bieten eine Plattform für jeden, der einen Gebrauchtwagen kaufen oder verkaufen möchte, und zählen bereits über 800.000 Kunden und über 35.000 Handelspartner. Dabei kaufen wir garantiert jedes Auto an, nehmen eine vollständige Dokumentation über den Zustand und die Historie des Fahrzeugs vor, die wir dann in unserer Datenbank hinterlegen. Aus einem Unikat wird so ein Datensatz und dadurch ein grenzübergreifend handelbares Gut. Durch diese technologische Vernetzung von Käufern und Verkäufern verknüpfen wir den europäischen Automobilhandel.

In konkreten Zahlen, bitte.

Koc:

Über 330 000 Autos haben wir seit Jahresbeginn schon auf diese Weise umgeschlagen. 2016 haben wir einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro erreicht. Das entsprach einem Wachstum von 100 Prozent gegenüber 2015. So kann es weitergehen.

Bedeutet dies, dass Sie bei den Erlösen 2017 die Drei-Milliarden-Euro-Grenze erreichen werden?

Christian Bertermann:

Das werden wir am Jahresende sehen. Wir können uns auf jeden Fall weiterhin über gesundes Wachstum freuen.

Wie lange werden die 360 Millionen Euro reichen, ehe Sie wieder frisches Geld benötigen?

Bertermann:

Das liegt allein an uns und dem Tempo, das wir einschlagen. Das Marktvolumen im Gebrauchtwagenhandel, das in Europa auf insgesamt 350 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt wird, bietet jedenfalls viel Potenzial. Wir wollen unseren Marktanteil mittel- bis langfristig auf zehn Prozent steigern.

Koc:

In einigen unserer Kernmärkte, wie etwa hier in Deutschland, arbeiten wir bereits profitabel. Es liegt also vor allem an unserem Expansionstempo im Ausland, ob wir neues Kapital einplanen. Derzeit sind wir in 30 europäischen Ländern aktiv. Weitere werden ganz gewiss folgen. Aber klar ist auch: Wir werden das mit Augenmaß tun. Eine Situation nach dem Motto 'Mama, der Tank ist leer, kannst du uns bitte abholen' wird es bei uns nicht geben.

Mit einer Bewertung von inzwischen 2,5 Milliarden Euro, die der Börseninformationsdienst Bloomberg aus der letzten Finanzierungsrunde im Sommer abgeleitet hat, wäre Ihre Firma auch ein Kandidat für einen Börsengang.

Bertermann:

Ein Börsengang ist für uns lediglich eine Finanzierungsmaßnahme. Solange wir uns weiterhin problemlos privat finanzieren können, ist ein Börsengang keine Option.

Koc:

Mit anderen Worten: Ein Börsengang ist nicht geplant.

Sie beide halten als Gründer und Geschäftsführer zusammen mehr als ein Drittel der Anteile, die restlichen Anteile gehören überwiegend Venture-Capital-Gesellschaften wie dem Facebook- Frühinvestor DST Global. Sie könnten mit einem Going-public auch privat Kasse machen.

Koc:

Das stimmt, aber Sie müssen ja auch eine Idee haben, was Sie mit dem Geld anschließend vorhaben. Ich würde alles wieder in Auto1 investieren. Wir betrachten die Möglichkeit eines Börsengangs deshalb vor allem aus Sicht des Unternehmens.

Hält Sie vielleicht auch die Sorge vor den umfangreichen Berichtspflichten und öffentlicher Kommunikation von der Börse fern? Sie gelten als extrem verschwiegen. Dies hier ist das erste Interview überhaupt, das Sie seit der Unternehmensgründung vor fünf Jahren gewähren.

Bertermann:

Alle unsere Abschlüsse liegen in testierter Form vor. Unsere Kreditgeber wie JP Morgan und Goldman Sachs sowie unsere Investoren aus dem Venture-Capital-Bereich verlangen das natürlich. Die Berichtspflichten einzuhalten ist für uns deshalb selbstverständlich. Seit vergangenem Jahr konnten wir außerdem Markus Boser als Chief Financial Officer gewinnen, der unsere Finanzen und Reportings auf einem absolut börsenfähigen Standard sicherstellt.

Koc:

Hinzu kommt, dass wir uns gerade öffnen, wie auch dieses Interview zeigt. Aber nicht weil wir Kapital von der Börse brauchen, sondern weil das Unternehmen mit bald 3000 Mitarbeitern in eine neue Dimension wächst und Kommunikation immer wichtiger für die reibungslose Führung der Firma wird.

Wie kommt man eigentlich auf die Idee, ein Gebrauchtwagenportal aufzubauen?

Bertermann:

Wir hatten beide schon unsere Jobs gekündigt und wussten, dass wir ein gemeinsames Unternehmen gründen wollten. Eigentlich arbeiteten wir gerade an einer App, als meine Großmutter mich fragte, ob ich nicht ihren alten Mercedes verkaufen kann. Als Laien trafen wir damals auf reichlich halbseidene Interessenten, die alles andere als seriöse Bewertungen für das Fahrzeug vorgenommen haben.

Würden Sie sich als Autoliebhaber bezeichnen?

Bertermann:

Ja, ich würde schon sagen, dass wir Autofans sind. Neulich hatten wir einen Porsche Carrera GT in unserem Angebot. Da ging mir schon ein bisschen das Herz auf. Aber noch mehr als Autofreunde sind wir Digital Freaks. Ich habe zuvor beim Internet-Gutscheinanbieter Groupon gearbeitet ...

Koc:

... und ich beim Online-Möbelshop Home24. Da haben wir erkannt, was sich mit Datenanalyse alles machen und bewegen lässt. Wir wollen jetzt mit Auto1 zeigen, dass man auch in Deutschland digitale Champions bauen kann.

Wie bei vielen großen Digitalkonzernen steht auch im Zentrum Ihres Geschäftsmodells inzwischen ein Algorithmus, der binnen Sekunden einen Preis berechnet, den Auto1 einem privaten Autoverkäufer zu zahlen bereit ist ...

Bertermann:

... und der, je größer die Zahl unserer Geschäftsabschlüsse wird, umso präziser den marktgerechten Preis bestimmt. Außerdem wissen wir anhand unserer europaweit erhobenen Daten schnell, in welchem Land die Absatzsituation für ein Fahrzeug gerade optimal ist, weil dort ein bestimmter Autotyp in einer bestimmten Farbe mit einer bestimmten Ausstattung aktuell besonders stark nachgefragt wird. Auch dieses Wissen fließt in den Algorithmus ein. Und natürlich haben wir genau dieses Fahrzeug dann verstärkt im Bestand.

Koc:

Dafür ist es natürlich auch wichtig, dass die Zahl der Händler weiter wächst, mit denen wir regelmäßig zusammenarbeiten. Für die Händler gibt es dabei keine Mindestabnahmeverpflichtung oder monatliche Gebühren. Wir verstehen uns als Plattform, die Angebot und Nachfrage zusammenbringt. Wir profitieren davon, dass wir die Gebrauchtwagen mit einem Aufschlag an die Händler weiterverkaufen.

Und wie profitieren die Händler?

Koc:

Die Händler gewinnen bei der Fahrzeugbeschaffung enorm an Auswahl und Geschwindigkeit. Sie bekommen von uns technisch überprüfte und lückenlos dokumentierte Gebrauchtwagen und können sich auf ihre eigentliche Kompetenz, den Vertrieb, konzentrieren.

Wie läuft das Geschäft im Detail ab?

Bertermann:

Ein Autobesitzer, der seinen Wagen verkaufen möchte, erhält auf wirkaufendeinauto.de binnen weniger Sekunden einen geschätzten Ankaufspreis für sein Auto. Danach fährt er zu einem unserer 350 Standorte, wo das Fahrzeug auf Schäden untersucht und digital dokumentiert wird. Das Ergebnis des Tests übermittelt der jeweilige Prüfer an unsere Zentrale, und der Kunde erhält nach spätestens einer halben Stunde sein verbindliches Angebot.

Gibt es da nicht immer mal wieder Ärger, weil der zunächst online übermittelte geschätzte Ankaufspreis ja sicher öfter über jenem liegen dürfte, den Auto1 nach der Untersuchung tatsächlich dann zu zahlen bereit ist?

Koc:

Ärger ist übertrieben formuliert. Wenn unser Ankaufsangebot tatsächlich deutlich unter dem zunächst genannten Preis liegt, dann springt natürlich auch schon mal ein Kunde wieder ab. Unser täglicher Anspruch ist es aber, für unsere Kunden den aktuell bestmöglichen Marktpreis zu erreichen - indem wir genau den Handelspartner in unserem Netzwerk finden, der das Fahrzeug besonders stark nachfragt. Zudem schätzen es unsere Kunden sehr, dass wir auch die gesamte behördliche Bürokratie, also etwa das Abmelden des Autos, für sie übernehmen. Das unterscheidet uns übrigens auch von Anbietern wie Autoscout oder mobile.de, die ja private Verkäufer mit privaten Käufern zusammenbringen, aber weder einen Preis noch den Vertragsabschluss garantieren und auch die juristischen Formalien nicht erledigen.

Wo parken Sie eigentlich die Autos zwischen, nachdem Sie sie angekauft und ehe Sie einen Käufer gefunden haben?

Bertermann:

Wir haben europaweit 13 Logistikzentren als Partner, die ansonsten auch für die großen Hersteller und Mietwagenunternehmen arbeiten. Diese Partnerbetriebe überführen schließlich die Fahrzeuge auch an unsere Händler.

Helfen Sie den Händlern neben der Logistik auch bei der Finanzierung?

Bertermann:

Ja, mit Kreditlinien ab 50.000 Euro aufwärts - je nach Bonität des jeweiligen Händlers.

Mit welchem Finanzpartner bieten Sie solche Kredite an?

Bertermann:

In Deutschland zum Beispiel mit der Bank 11, die zur Werhahn-Gruppe gehört.

Kaufen Sie tatsächlich jedes Auto auf, auch solche, die anschließend nur noch Schrotthändlern angeboten werden können?

Koc:

Ja, tatsächlich zahlen wir dann eine Pauschale, die sich am aktuellen Stahlpreis orientiert. Unsere Garantie gilt auch in diesen Fällen: Wir kaufen jedes Fahrzeug. In solchen Fällen stehen für den Kunden natürlich der Prozess und der Service im Vordergrund - und den bieten wir bei jedem Fahrzeug gleich an, ob Maserati oder altgedienter Corsa.

Herr Bertermann, Herr Koc, herzlichen Dank für das Interview.

Brors, Peter

Media Enquiries

Lisa Langlois, Head of Communications, AUTO1 Group

lisa.langlois@auto1-group.com

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